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Presse
Meuterei an deutschen Hochschulen

Putsch der Professoren

von Marion Schmidt (Hamburg)

Viele Hochschullehrer haben Probleme mit einem starken Präsidium. So droht die Präsidentin der Uni Hamburg über ihren Führungsstil zu stürzen. Auch an anderen Hochschulen rumort es.

So etwas hat es an einer deutschen Universität noch nicht gegeben: Eine Gruppe Hochschullehrer sammelt Unterschriften für die Abwahl der Präsidentin, vier Professoren treten aus Protest gegen die Hochschulleitung aus dem Akademischen Senat aus, und drei ehemalige Vizepräsidenten warnen in einem öffentlichen Brief vor der "drohenden Zerstörung" der Uni.

Der Putschversuch der Professoren ist der vorläufige Höhepunkt einer bereits lange schwelenden Unzufriedenheit mit Monika Auweter-Kurtz an der Spitze der Uni Hamburg.

Die Vorwürfe sind heftig: Auweter-Kurtz, eine Stuttgarter Raketenforscherin (Spitzname "Raketen-Moni"), seit Ende 2006 im Amt, habe die Uni zu einer "autoritär geführten Einrichtung" gemacht, schreiben die drei Anführer des Protests. Sie könne nicht mit Kritik umgehen, es mangele ihr an Kommunikationsfähigkeit.

Hintergrund der Meuterei ist offenbar die bevorstehende Verabschiedung des Struktur- und Entwicklungsplans für die Uni. Damit sollen das Forschungsprofil der Hochschule gestärkt und finanzielle Mittel mehr nach Leistung vergeben werden. So sollen beispielsweise Professoren, die viele Studenten zum Abschluss bringen oder viele Drittmittel einwerben, einen Bonus auf ihr Gehalt oder mehr Mitarbeiter bekommen.

Für die Uni sei das "eine Zäsur, ein richtig großer Schritt in die richtige Richtung", sagt Johann Lindenberg, Mitglied des Hochschulrats, eines Gremiums vergleichbar mit einem Aufsichtsrat. Mit Lindenberg, ehemaligem Vorsitzenden der Geschäftsführung von Unilever Deutschland, äußert sich nun erstmals öffentlich ein Mitglied des Hochschulrats in der Diskussion um die Präsidentin. Lindenberg sagt, der Rat stehe fest zu ihr. Auweter-Kurtz sei geholt worden, um "das System organisierter Unverantwortlichkeiten zu beenden".

Bislang gab es für die Uni Hamburg weder einen Entwicklungsplan noch ein Forschungsprofil, öffentliche Gelder wurden mehr oder weniger nach dem Gießkannenprinzip verteilt. In Rankings belegt die fünftgrößte deutsche Hochschule seit Jahren die hinteren Ränge. Der einzige Antrag, der bei der Exzellenzinitiative erfolgreich war, ging an die Physik.

Starke Führung unerwünscht

Auweter-Kurtz ist geholt worden, um Reformen umzusetzen und die Uni effizienter zu machen. Doch sowohl die Reformen als auch die Art, wie sie umgesetzt werden, stoßen an der Uni seit Längerem auf heftigen Widerstand. "Es gibt immer einige, die Veränderungen nicht mittragen wollen", sagt Auweter-Kurtz dazu. Sie sei immer für Gespräche da gewesen.

Für den ehemaligen Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Klaus Landfried, der als Headhunter Auweter-Kurtz nach Hamburg holte, ist das "ein Aufstand der Mittelmäßigen": "Da fürchten manche um ihre Pfründe." Die Präsidentin selbst nennt sie in ihrem schwäbischen Akzent die "Geischter", weil die Kritiker Geisteswissenschaftler sind.

Landfried beobachtet, dass Hochschulen generell "Angst haben, starke Leute an die Spitze zu holen". Dabei könne man moderne Unis nicht mehr führen wie Kollegialkooperationen, wo jeder zu allem gehört werden müsse. Hochschulen, so Landfried, bräuchten heute eine präsidiale Führung, auch um sich im zunehmenden Wettbewerb um Drittmittel, Professoren und Studenten zu profilieren.

Deshalb wählen Hochschulräte heute für die Unispitze gern jemanden von außen, der für sie aufräumen soll. Während der Akademische Senat lieber jemanden möchte, der den Konsens sucht. "Da sind Konflikte schon bei der Berufung programmiert", sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE).

"Unis sind Expertenorganisationen", erklärt Ada Pellert, Gründungspräsidentin der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW) in Berlin, "da sitzen viele Leute, die viel wissen und mitreden wollen - das ist ein Vorteil, kann aber auch ein Nachteil sein." Pellert sieht ein Dilemma moderner Hochschulleiter: "Die Stärke, die nach außen geschätzt wird, sollte man nach innen tunlichst vermeiden."

Nahezu alle Hochschulen tun sich schwer mit durchsetzungsstarken Präsidenten, aber alle gehen unterschiedlich damit um. An der Uni Rostock wurde der Rektor zum Rücktritt gedrängt, weil er es gewagt hatte, sich an einer anderen Hochschule zu bewerben. An der Uni Oldenburg wurde der Präsident aus dem Amt gemobbt, weil er den einen zu viele Reformen anschob, den anderen zu wenig.

Der Freien Universität (FU) Berlin, von der Größe, vom Fächerspektrum und akademischen Eigenleben her vergleichbar mit der Uni Hamburg, hingegen ist unter ihrem Präsidenten Dieter Lenzen ein beispiellloser Turnaround gelungen. Gegen zahlreiche innere Widerstände trimmte er die Massenuni auf Exzellenz. Mit dem Erfolg sind die Stimmen seiner Feinde leiser geworden. Monika Auweter-Kurtz fehlen solche Erfolge.

In Hamburg werden daher gegen sie weiter Unterschriften gesammelt. Die Entscheidung über eine Abwahl liegt beim Hochschulrat. Dort ist die Präsidentin wohlgelitten: "Sie hat eine gewaltige Energie und ein starkes Durchsetzungsvermögen", lobt Johann Lindenberg. Er lässt jedoch durchblicken, dass er sich mehr Überzeugungsarbeit wünscht. "Gute Führung", sagt er, "bedeutet auch, Menschen zu motivieren, zuzuhören und auf andere Argumente eingehen zu können."

http://www.ftd.de/forschung_bildung/bildung/:Meuterei-an-deutschen-Hochschulen-Putsch-der-Professoren/522752.html?mode=print

http://www.fsrk.de/artikel_120.html [Stand 5. Juni 2009]