„Entlassen aus den engen Schranken der Jugend, der Erziehung und Aufsicht des Elternhauses und der Schule, […] befreit von der regelmäßig zugeteilten Arbeit, fällt dem Studenten an deutschen Hochschulen ein ungewöhnliches Maß von Freiheit zu. Freizügigkeit von Hochschule zu Hochschule, die Möglichkeit, das gewählte Fachstudium zu wechseln, weitgehende Freiheit in der Wahl von Vorlesungen und Übungen, ein Lehr- und Lernsystem, das bis zu den Prüfungen im allgemeinen keine Überwachung des Studenten und seiner Arbeit zulässt, das sind die Hauptzüge der deutschen ‚akademischen Freiheit‘, die das studentische Leben so ungebunden macht, so losgelöst von aller bürgerlichen Enge.“
Walter Berendsohn, Hamburger Universitätszeitung, April 1919.
„Modularisierung bedeutet, Studienangebote konsequent von den Qualifizierungszielen her zu konzipieren und den Stellenwert und Beitrag jeder einzelnen Lehrveranstaltung im Hinblick darauf zu definieren. Indem jedes Modul zeitnah mit einer studienbegleitenden Prüfung abgeschlossen wird, können Studien- und Prüfungsinhalte deckungsgleich werden. Eignung, Studienerfolge und eventuelle Defizite lassen sich auf diese Weise frühzeitig und fortlaufend diagnostizieren und besser steuern.“
Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmannstiftung (CHE): Argumente für eine rasche und konsequente Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge an deutschen Hochschulen, 2003. pdf
Enge Schranken der „modernen“ Hochschule: Die ganzen Semesterferien vorgearbeitet, weil der „workload“ während des Semesters kaum einen Jobben zulässt; Hausarbeiten fristgerecht abgeliefert; für mehrere Klausuren gepaukt und gleich wieder alles vergessen – und jetzt weiter rein in die Mühle?
Als Erstsemester schon Eingangstest, Aufbaukurs, Sprachschule absolviert?
Die „Qualifizierungsziele“, die diese Torturen angeblich erforderlich machen, ergeben sich aus dem von der privaten Wirtschaft prophezeiten „Bedarf des Arbeitsmarkts“, wo sich die Bachelor- und Master-Absolventen mit ihren Allgemeinen Baresbinichwert-Kompetenzen (ABK, offiziell: Allg. berufsqualifizierende Kompetenzen) anpreisen sollen. Die Inhalte der Lehrveranstaltung werden diesen ökonomischen Forderungen oft bis ins Detail angepaßt.
Dies sollen private Akkreditierungsagenturen garantieren, die anstelle demokratisch legitimierter Gremien oder wenigstens staatlicher Stellen nunmehr die Studien- und Prüfungsordnungen kontrollieren und genehmigen. (Kostenpflichtig selbstredend, was für die Universität einer Geldverbrennung nahe kommt.)
Was nicht wenigstens im weiteren Sinne wirtschaftsrelevant sein kann, soll dank der korsettartige Vorgaben der modularisierten Studiengängen gar nicht erst studiert werden. Dauerprüfungsdruck auf der Jagd nach „Credit points“, die fortlaufende Panik, als „Versager“ diagnostiziert zu werden und das der Anforderungserfüllung stets einen Schritt vorauseilende Kontrollsystem „StiNE“ sollen jeden Freiheitsdrang und erst recht jeden gesellschaftskritischen Impetus im Keim ersticken. Nicht von allein sind selbstverwaltete „autonome Seminare“ fast gänzlich verschwunden und offene Diskussionen in Lehrveranstaltungen eine Seltenheit geworden.
Gemeinhin sind Studierende keine zu optimierenden Roboter – wie es das CHE (s.o) nahe legt – sondern Menschen mit sozialen Interessen: Interesse an kultureller Entfaltung, sozialem Fortschritt, geistig anregender Tätigkeit, einem solidarischen Alltag, dem verantwortlichen Gebrauch der natürlichen Lebensgrundlagen und am friedlichen Zusammenleben der Völker. Zur Verwirklichung dieser Interessen sind alle Wissenschaften potentiell von positiver Bedeutung. Allerdings wäre dafür von neuem die Relevanz und Perspektive einer wirklich humanistisch orientierten Wissenschaft zu diskutieren.
Das hieße vor allem, den Grundkonflikt zur umfassenden Dominanz der privaten Ökonomie allerorten aufzunehmen.
Beispielhaft könnten sich die Wirtschaftswissenschaften gegen die Jobkonkurrenz für Vollbeschäftigungsmodelle engagieren (angefangen bei Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich), die Medizin müßte sich kritisch den gesellschaftlichen Ursachen von Krankheiten (z.B. Prüfungsstress…) stellen, die Naturwissenschaften sollten in gleicher Weise für eine verantwortliche Energiewirtschaft und gegen die permanente Weiterentwicklung- und Verbreitung von Waffen wirken; aus humanistischen Vorstößen in der Geschichte und rund um den Globus könnten tatsächlich Ableitungen für hier und heute gezogen werden (z.B. Beseitigung von Studiengebühren in Hamburg um 1970 und in Ungarn just now).
Es ist dringend an der Zeit, eine vertiefte Diskussion um die Relevanz der Bildungsinhalte anzugehen. Dies ist die Grundlage für jede vernünftige Reform des Studiums. Als erster befreiender Schritt sind über die Hochschulgremien die Leistungs- und Verängstigungsmechanismen aus den Studienordnungen zu entfernen.
Auf Vollversammlungen und in Fachschaftsräten kann dafür der Anfang gemacht werden. Zwar dürfte die CDU wieder an der Regierungsbildung beteiligt sein, aber Senator Dräger, der die Ba/Ma-Studiengänge in ihrer Restriktivität auf dem Gewissen hat, mußte schon den Hut nehmen.
Die so erreichte Chance auf Verbesserungen ist jetzt zu nutzen.
Also: Wie soll es besser werden?